Von Handtaschen und notwendigen Amputationen

„Die Handtasche ist ein Kleiderzubehör der Frau, das aus allen möglichen Materialien besteht und als Henkeltasche in der Hand oder über dem Arm getragen wird, an längerem oder zu verlängerndem Riemen auch über der Schulter (Schultertasche).“ (Wikipedia)

Wie kann man ein solch wichtiges Accessoire, das ja bisweilen schon die Eigenschaften eines zusätzlichen Körperteils annimmt, so emotionslos beschreiben? Ach so, stimmt. Wikipedia ist ja sachlich, rein objektiv und frei jeglicher Bewertungen. Kurz – nützlich und praktisch. Eigenschaften, die eine gute Handtasche zu, sagen wir mal, lediglich 20% erfüllen sollte. Die restlichen 80% bestehen aus teilweise unergründlichen Anforderungen, einem Mix von Geschmack, Gefühlen und Selbst-Reflektion. Der Begriff „Gutes Aussehen“ allein reicht nicht aus, um dieses Wirrwarr zu beschreiben. Und die Herren der Schöpfung helfen uns auch nicht mit einem „So eine hast du doch schon!“.

Doch was genau ist dieses gewisse Etwas, das eine Handtasche besitzen muss, damit frau sie besitzen will? Zunächst einmal muss sie zum Anlass und Outfit passen und natürlich zu dem, was ihre Trägerin darstellen will. Während die aktuelle It-Bag, der Jute-Beutel mit Aufdrucken wie „George, Gina & Deine Mudder“ ganz klar sagt: „Ich geb nichts auf Schickimicki und will auf jeden Fall so aussehen, als hätte ich in fünf Minuten schnell das angezogen, was mir aus dem Schrank entgegenkam, während ich eigentlich schon am Abend vorher sorgfältig darüber nachgedacht habe!“, möchte die Louis Vuitton-Trägerin ein kleines, ganz und gar nicht günstiges Statussymbol spazieren tragen, für das sie sich monatelang nur von Nudeln mit Tomatensoße ernährt hat. Natürlich gibt es auch völlig uneitle Taschen, nebst (zumindest temporär) uneitler Trägerin, wie den Trekkingrucksack beispielsweise.

Apropos Rucksack. In Modekreisen lange als praktisch und kleingeistig verschrien, und höchstens in der Army-Version mit Nirvana-Aufnäher erlaubt, erlebt er grad sein absolutes Revival und wird in allen Farben und Formen auf dem Rücken der Modemädchen und -jungs gesichtet. Der Rucksack ist quasi die neue Handtasche. Schon verrückt, die Sache mit den Taschen. Was ist als nächstes hip? Der Turnbeutel? Verwunderlich wäre es nicht, immerhin hat sogar die Gürteltasche, einst abstoßendes Objekt mit Spießer-Touch, ihre stylische Wiedergeburt erlebt. Ebenso verrückt ist die Wichtigkeit und Hingabe, mit der sich manche Frauen dem Thema Taschen nähern. Neulich erzählte ich einer Bekannten etwas über eine Clutch, woraufhin die mich ansah, als spräche ich Chinesisch. „Du weißt nicht, was eine Clutch ist???“ entfuhr es mir entsetzt, nur um mich im selben Moment über mich selbst lustig zu machen. Immerhin hatte ich reagiert, als wüsste meine Bekannte nicht, dass auch Frauen seit geraumer Zeit zur Wahl gehen dürfen.

Ich gehöre übrigens zu der Sorte „Suche eine für alles“. Ich will eine Handtasche, die irgendwie schick, aber trotzdem cool aussieht. Eine, die ich genauso zum Abendessen wie mit zur Arbeit und zur Party nehmen kann. Letztes Jahr dachte ich, ich hätte sie gefunden. Sie war perfekt. Sie sah hübsch und trotzdem robust aus, sie hatte Platz für alle wichtigen Dinge, in allen Lebenslagen: für Schlüssel, Handy, Geld (meine tägliche Mantra-mäßige Abfrage, wenn ich das Haus verlasse), aber auch für allerlei Krimskrams wie Handcreme, Lipbalm, Pflaster, Nagelfeile (die Tasche in der Tasche), Notizbuch, Stifte, die nicht abgeschickte Postkarte vom letzten Hamburgtrip, Ersatzschuhe, Deo, Kaugummi, Visitenkarten, Kassenbons… Doch die Liebe war nur von kurzer Dauer, denn ich treuloses Ding halte schon wieder Ausschau nach einer Neuen. Es gibt einfach zuviele.

Vor Kurzem ergab sich eine Situation, in der ich ohne eine vertraute Tasche hinaus in die Welt musste, denn egal in welcher Form, sie wäre nur im Weg gewesen. Es kam mir vor, als hätte ich etwas vergessen. Schlüssel, Handy, Geld, alles in greifbarer Nähe. Und doch – ich fühle mich nackt. Allerdings muss ich zugeben, nach einer kurzen Eingewöhnungsphase überkam mich ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit. Anscheinend ist die Tasche wohl doch ein Körperteil, den man durchaus entbehren kann.

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